Tequila Kampftrinken Berlin 1989

40 Tequilas: Das legendäre Kampftrinken Berlin 1989 (Interview + Video)

15. März 2017

Manchmal passieren die unglaublichsten, aber wahren Geschichten im unmittelbaren Bekanntenkreis…

Mein guter Freund Wolf Hogekamp ist das, was die Redaktion von Inas Nacht vermutlich ein Original nennen würde. Der Berliner ist Autor, Spoken Word-Poet, Veranstalter, Musiker, Künstler, Filmemacher und derjenige, der Poetry Slam nach Deutschland importierte.

Ganz zu schweigen davon, dass er menschlich ein Riesentyp ist, wurde er neben seinen künstlerischen Tätigkeiten vor allem auch durch ein Video zur Legende, das immer wieder mal die Kreise macht: Kampftrinken Berlin 1989 (auch auf Youtube und unter dem Artikel eingebettet).

In diesem Film ist nachzuerleben, wie Wolf Hogekamp bei einem Wettrinken in Kreuzberg 40 Tequila-Shots trinkt, den Wettbewerb gewinnt – und am Ende immer noch stehen und reden kann, während um ihn herum die Schnapsleichen von Rettungskräften abtransportiert werden. True Story.

Oder wie der Filmemacher (und Wolfs Begleiter an jenem Abend) Rolf S. Wolkenstein den Film beschreibt: „Ein lebendiges Dokument der trinkfesten Westberlin-Szene der Endachtziger, und gleichzeitig eines der letzten wichtigen Ereignisse vor dem Mauerfall!“ Wie Herr Lehmann also, nur in Hardcore.

Das Interview mit dem SiegerÜberlebenden des Kampftrinkens Berlin 1989

Ich habe den Kurzfilm bestimmt schon ein Dutzend Mal gesehen. Tatsächlich aber habe ich, trotz jahrelanger Freundschaft, noch nie ausführlich mit Wolf darüber gesprochen. Weil dieser Vorfall unbedingt zu den unglaublichen, aber wahren Geschichten zählt, wollte ich dieses Versäumnis im Blog nachholen. Folgend also ein exklusives Interview mit dem Gewinner des Tequila-Kampftrinkens im Berlin von 1989.

Lieber Wolf, da ich nicht ausschließen kann, dass auch Minderjährige diesen Beitrag lesen, muss ich vorweg folgende Ansage machen: Das war sehr, sehr, sehr böse und gefährlich und du rätst niemandem, das nachzumachen und du schämst dich sehr und bereust es und würdest es nicht wiederholen, wenn du die Wahl hättest. Nicht wahr, Wolf?

Wolf: Ach, ich mag Suggestivfragen. Ja, das war sehr böse und gefährlich, aber schämen und bereuen tue ich nichts.

That’s the spirit. Aber jetzt noch mal von vorn. Es ist 1989, Kreuzberg, kurz vor der Wende. Alles ist möglich. Du hörst von einem Wetttrinken in einer Bar namens Blechladen und fragst deinen Kumpel Rolf (Wolf und Rolf, ist das euer Ernst?!), ob er mit dir hingehen möchte. Was passierte dann?

Wolf: Nee, Ernst war nicht dabei, nur Rolf und Wolf. Ich schlug Rolf vor, dass wir das Kampftrinken auf Video (VHS!) dokumentieren. Um glaubhaft zu sein, habe ich die Teilnahmegebühr von damals 20 DM bezahlt und war somit part of the game. Vor dem Kampftrinken wurden Wetten abgeschlossen, und ich hatte die schlechteste Wettquote, weil alle dachten, dass ich aussteige nach ein paar Shorts.

Wenn ich das richtig verstehe, wolltest du ursprünglich nur in den ersten zwei, drei Runden mitmachen, um dann genau wie Rolf den stillen Beobachter zu geben. Was ist schiefgegangen?

Wolf: Na ja, die Tequila waren sehr, sehr lecker. Und es gab ja alle 5 Minuten einen neuen Tequila. Als ich aussteigen wollte, meinten alle, ich soll weitermachen. Somit war die Idee, dass ich irgendwann die Kamera übernehme, hinfällig.

War dir während des Wettbewerbs bewusst, dass du Geschichte schreibst und etwas potenziell sehr Gefährliches tust?

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Wolf: Wie denn? Ich war betrunken!

Erinnerst du dich selber an den Abend? Oder kennst du – wie wir alle – nur das filmische Dokument?

Wolf: An einige Szenen des Abends kann ich mich gut erinnern.

Im Film sieht man, wie andere Teilnehmer mit dem Krankenwagen abtransportiert werden. Haben alle den Abend überlebt?

Tequila Kampftrinken Berlin 1989
Wolf nach dem 40. Tequila (Screencapture Vimeo)

Wolf: Ein Teilnehmer wollte urprünglich nach dem Kampftrinken zurück nach Australien fliegen. Man hat ihn allerdings ins Krankenhaus gefahren. Ob er seinen Flug bekommen hat, könnte man anzweifeln.

Hat sich der Kater nach dieser Nacht erheblich von vorherigen oder späteren Katern unterschieden?

Wolf: Nein, im Gegenteil. Der Kater wurde durch die Siegesprämie von 200 DM versüßt.

Hat Johnny Knoxville den Film gesehen?

Wolf: Er ist so ein Jack Ass. Es ist ihm tatsächlich zuzutrauen, den Film nicht gesehen zu haben.

2009 trank ich einmal mit Volker Strübing 9 oder 10 Jägermeister am Stück. Als ich zu mir kam, stand ich auf einer Bühne und moderierte mit zerstörtem Mikro-Stativ einen Poetry Slam. Wenn der Wind günstig steht, spüre ich diese Nacht heute noch in meinen Knochen. Gab es bei dir Langzeitauswirkungen des Kampftrinkens – Leberversagen, Abstinenz, Verlust der Muttersprache?

Wolf: Nö.

Gerüchten zufolge wollte eine Behörde den Film verbieten lassen, aus Jugendschutzgründen. Ist da was dran?

Wolf: Richtig, das Bildungsministerium  hat sich über den Film bei Youtube beschwert, sowas könne man nicht zeigen oder so. Youtube hat daraufhin den Film rausgenommen. Wir haben versucht, Youtube zu einer Stellungsnahme zu bewegen, da kam aber nichts. Der Film hingegen tauchte wieder auf. Zuerst in den Niederlanden. Fun fact: Ich bekam eine Einladung für ein niederländisches Filmfest in Utrecht und „Kampftrinken“ lief kurze Zeit später wieder auf Youtube. Wer den Film ins Netz gestellt hat, keine Ahnung. Kenn ich nicht.

Auf welche der beiden Meilensteine deines Schaffens – Gründer der deutschen Poetry Slam-Szene und Überlebender des Kampftrinkens Berlin 1989 – bist du mehr stolz?

Tequila Kampftrinken Berlin 1989 Wolf Hogekamp
Wolf Hogekamp heute (Foto: Miri Jam)

Wolf: Die Entwicklung der Slam Szene erfreut mich immer wieder. Die Szene hat viele interessante Persönlichkeiten, sehr mannigfaltig und oft orginell. Darauf trinke ich einen Tequilla. Cheers!

Bei eurem Film fühle ich mich immer wieder an Herr Lehmann erinnert und vice-versa. Unter uns: Habt ihr Sven Regener inspiriert?

Wolf: Ich hoffe. Aber ich kenne Sven Regener nicht persönlich und ich habe nichts von ihm gelesen. Da rege ich mich nur auf, das weiß ich, und ich will mich nicht aufregen. Ich lese lieber Bücher.

Danke für das Interview.

Schaut euch Wolfs Electro-Projekt Broca Areal an und erlebt ihn live bei seiner Lesebühne Spree vom Weizen (mit Julian Heun, Felix Lobrecht, Till Reiners, Ken Yamamoto und Frank Klötgen) in Berlin, die wir vor vielen Monden gemeinsam gründeten.

 Vimeo Direkt-Link

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